Willkür - Ein Begriff mit unterschiedlichen Bedeutungen

Unter Willkür versteht man objektives qualifiziertes Unrecht. Die schweizer Bundesverfassung schützt die Menschen in Art. 9 vor staatlicher Willkür: Jede Person hat den Anspruch darauf, von den staatlichen Organen ohne Willkür und nach Treu und Glauben behandelt zu werden. Doch der Begriff wurde auch schon anderst gedeutet. Du findest einige Gedanken zum Wort Willkür in diesem Blog.

Wortherkunft

Das Wort Willkür stammt vermutlich vom mittelhochdeutsch "wilkür‎" ab. Das Wort existiert nur in der Einzahl. Der Duden sagt zu Willkür: "Die allgemein geltenden Massstäbe, Gesetze, die Rechte, Interessen anderer missachtendes, an den eigenen Interessen ausgerichtetes und die eigene Macht nutzendes Handeln, Verhalten."


Das Wort besteht aus den zwei Teilen "Wille" und "Kür".


Der Wille ist die Fähigkeit des Menschen sich bewusst für oder gegen etwas zu entscheiden. Er bestimmt eine feste Absicht.


Das Wort Wille entstand aus dem mittelhochdeutschen Verb wollen, geht zurück auf das indogermanische Wort "uel" und bedeutete ursprünglich "erwünscht, nach Wunsch". Das Wort Wohl hat auch mit Wille zu tun, da beide Wörter denselben Stamm haben. Wir kennen das Wort "Wohl" in vielen Arten im heutigen Sprachgebrauch:

Pudelwohl, unwohl, wohlauf, wohlbedacht, wohlbehalten, wohlbehütet, wohlbekannt, Wohlsein, Wohlstand, Wohltat... Welche kommen dir noch in den Sinn?



Das Wort Kür ist eine Ableitung vom veralteten Verb "kiesen" = wählen. Aus Kür erschliesst sich auch das Wort "erkoren" welches sich meist im poetischen Sprachstil findet. Das Wort Kür stammt von dem seit dem 9. Jahrhundert bekannten althochdeutschen "kuri" = „Wahl, Prüfung“. Heute wird das Wort in Zusammenhang mit Sport verwendet, z.B. die Kür beim Eiskunstlaufen.


Die Kür im Sinne von „Wahl“ tritt auch in anderen Zusammensetzungen auf: Der Kurfürst war ein hoher Adliger, zu dessen Aufgaben es gehörte, den König zu wählen. Oder in der Politik: Die Kandidatenkür ist die Vorauswahl von Bewerbern.



Das Wort Willkür damals

Das Wort Willkür bedeutete früher „das mit Willen erkorene“. Bis in das 18. Jahrhundert bezeichnete es in der deutschen Sprache eine Rechtsvorschrift oder eine Sammlung von Rechtsvorschriften. Willkür war ab dem Mittelalter das Recht der Städte (oder von Fürsten) auf "Selbstbestimmung", abweichend von Gesetzen, welche für ganze Ländereien galten. In diesem Zusammenhang wird die "Danziger Willkür" immer wieder genannt.



Das Wort Willkür heute

Über die Zeit hat sich die Bedeutung des Wortes verändert. Heute steht Willkür für:

  • Im Alltagsleben: Uneingeschränktheit in Herrschaft und Urteil; frei von äusseren Zwängen, Regeln und Gesetzen

  • In der Mathematik und Naturwissenschaft: Festlegung, die unbegründet ist

  • In der Medizin: Fähigkeit, Bewegungen oder Körperfunktionen bewusst herbeizuführen



Willkür wird im heutigen Sprachgebrauch allgemein als:

Verhaltensweise, die ohne Rücksicht auf andere nur den eigenen Wünschen und Interessen folgt

ausgelegt.



Willkür wird aus aktuellem Anlass in Zusammenhang mit dem Verhalten von Regierungen verwendet. Nicht ganz unbegründet. Immer wieder in der Geschichte gibt es Beispiele von willkürlichem Handeln der Herrschenden. Im 18. Jahrhundert, kann z.B. die Vertreibung der Gelehrten Jacob und Wilhelm Grimm 1837 aus Göttingen nach Kassel genannt werden. Dies geschah auf Befehl des damaligen Fürsten.


Die Geschichte des 20. Jahrhundert mit dem 2. Weltkrieg kennen einige von uns noch. Es war vor allem das Regime der deutschen SS, welches Schrecken und Grauen verbreitete. In dieser Zeit genügten Nichtigkeiten, um in die Fänge der politischen Strafverfolgung zu gelangen. Die Willkür des Regimes war gross. Für die Betroffenen ergab sich daraus ein Gefühl des ausgeliefert seins. Wer anders dachte und dies kundtat, spielte mit dem Leben.


Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 in Deutschland wurde eine Gruppe Menschen mehr und mehr diskriminiert und dann mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 vom Staat zu Bürgern minderen Rechts erklärt. Diese Menschen durften viele Berufe nicht mehr ausüben und wurden vom kulturellen und wissenschaftlichen Leben vollständig ausgeschlossen.


Und wie ist die Situation heute? - Reflektiere.



Die Auswirkung von Willkür auf den Menschen

Der Mensch baut auf Verlässlichkeit. In der alltäglichen Kommunikation ist Verlässlichkeit eine wichtige Grundlage im Zusammenleben. Wenn ich mich auf den anderen verlassen kann, entsteht Vertrauen. Vertrauen wiederum ist der Motor für das Wachstum des Menschen. (siehe dazu auch hier).


Beginnt das Gegenüber willkürlich zu handeln, so verliert der Mensch das Vertrauen. Mit dem Vertrauensverlust zieht er sich oft zurück oder es entsteht Wut und Hass auf den anderen. Die Würde des Menschen ist verletzt.


Beginnen ganze Bevölkerungsgruppen oder staatliche Organe willkürlich zu handeln so führt dies zu einem Gefühl des ausgeliefert seins für diejenigen, welche die Willkür zu spüren bekommen.


Die Geschichte zeigt uns, dass ganze Bevölkerungsgruppen immer wieder willkürlich ausgegrenzt wurden. Sie waren Sündenböcke und wurden missbraucht, um Kriege zu rechtfertigen. Der Mensch ist perfekt darin, mit dem Finger auf andere zu zeigen und diese als Schuldige für eine Misere zu sehen. Zu oft sind wir blind und sehen nicht, dass wir alle Teil einer Menschheitsfamilie sind. Wir sind nicht so verschieden wie wir meinen. Wir hätten ganz viele gemeinsame Stärken, welche wir nutzen könnten.... wenn wir dann nur wollten. Die Frage ist, sehe ich die Schönheit und das Potential in meinem Gegenüber?



Gerald Hüther sagte einmal:

Kein Mensch kann die in ihm angelegten Potentiale entfalten, wenn er in seiner Würde von anderen verletzt wird oder er gar selbst seine eigene Würde verletzt.


Schau hin - wie ist das genau bei dir?

.... und nimm dir Zeit um dir folgende Fragen zu beantworten:

  • Bin ich ein Potentialentfalter für andere Menschen?

  • Würdige ich andere Menschen in Ihrem Sein und ihren Ansichten?

  • Begegne ich anderen Menschen auf Augenhöhe, ehrlich, direkt, liebevoll?

  • Weiss ich wirklich, was für andere Menschen richtig oder falsch ist?

  • Massregle ich andere?

  • Lebe ich eine Kultur der Toleranz?

  • Integriere ich andere Menschen in mein Leben, oder grenze ich sie aus?

  • Bin ich offen für andere Meinungen und Ansichten?


Ich wünsche mir eine Gesellschaft, welche sich auf ihre wahren Werte wie Menschlichkeit, Nähe, Toleranz, Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichbehandlung aller besinnt und diese Werte auch lebt.

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