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Vertauen - Warum das ein rares Gut geworden ist

In Zeiten wie diesen ist Vertrauen ein rares Gut geworden. Freundschaften zerbrechen, Familien werden gespalten, Menschen die sich vor einem Jahr noch vertrauten misstrauen sich heute. Was ist passiert? Ich habe mich mit dem Wort "Vertrauen" intensiver auseinander gesetzt. Hier meine Gedanken dazu.



Was ist Vertrauen?

Vertrauen könnte so definiert werden:

Vorbehaltloser Glaube oder subjektive Überzeugung, dass man sich auf jemanden (auch auf sich selbst) oder auf etwas in hohem Masse verlassen kann.


Wortherkunft

Das Wort Vertrauen stammt vermutlich aus der gotischen Sprache (300-700) und dem althochdeutschen (ca. um 800). Die ersten Wörter die ich dazu gefunden habe sind: trüĕn/git trüwĕn, firtüen oder auch firtü(w)en. Die ursprüngliche Meinung des Wortes war: zutrauen, hoffen, glauben Zuversicht haben, sich selber treu sein. Im Gotischen hiess das Wort "trauan". Die Kirche hat dies übernommen. Seit dem 13. Jahrhundert steht traun für die eheliche Verbindung von zwei Menschen.


Aus dem Wort "trauan" lässt sich mit etwas Fantasie die englische Version "trust" ableiten. Aber auch im deutschen kommen mir dazu Wörter in den Sinn wie zum Beispiel treu oder ganz simpel "sich etwas trauen, Mut haben".


Das Wort vertrauen verwenden wir auch in Wortbildungen wie vertrauensvoll, vertrauenerweckend, vertraut, anvertrauen, Vertrauensvorschuss, vertraulich.

Welche Worte in Zusammenhang mit Vertrauen kommen dir in den Sinn?


Spannend ist, dass es keine Mehrzahl des Wortes Vertrauen gibt. Es scheint also etwas singuläres zu sein, etwas exklusives, einmaliges? Ich kann zwar in mehrere Personen oder Organisationen vertrauen haben. Sehr schön aufzeigen lässt sich das anhand eines Cloud-Services den ich benutze. Ich vertraue z.B. darauf, dass mein E-Mail Anbieter seine Hausaufgaben gemacht hat und meine Mailbox vor unbefugtem Zugriff und Hackern schützt. Wissen tue ich es aber nicht. Es ist also tatsächlich so, dass ich meine Zuversicht auf das Unternehmen und die Menschen dahinter richte. Doch dazu später mehr.


Interessant ist auch über die Zusammenhänge des lateinischen Wortes für Vertrauen nachzudenken: Fides. Wir finden es in den lateinischen Sprachen auch heute noch. Fanzösisch: faire confiance à...; Italienisch: fidarsi / confidare.


Fides kann übersetzt werden mit Treue, Glaubwürdigkeit oder eben Vertrauen.

Und wie ist das mit dem Wort per-fide ? Wir verstehen darunter wortbrüchig, treulos, unredlich, falsch und vor allem hinterlistig.


Wenn wir also das Vertrauen verlieren, war dann mein Gegenüber wortbrüchig, treulos, oder unredlich? Mag sein, aber das greift aus meiner Sicht zu kurz. Die Frage ist vielmehr, wann vertrauen ich und warum, und wie verliere ich das Vertrauen?


Warum vertraut ein Mensch?

Vertrauen ist die subjektive Überzeugung von der Richtigkeit, Wahrheit, Redlichkeit von Personen, von Handlungen, von Einsichten, von Aussagen eines anderen. Es hat also damit zu tun, dass ich auf etwas baue, was unsicher ist. Ich gebe einen Vertrauensvorschuss. Ich weiss zu der Zeit nicht, wie der andere Mensch damit umgeht. Mit diesem Verhalten mache ich mich verletzlich.


Das heisst im Umkehrschluss, dass Vertrauen nur in unsicheren Situationen entstehen kann. Denn wer sich einer Sache ganz sicher ist, muss nicht vertrauen. Und wer von einer Sache gar nichts weiss kann nicht vertrauen. Es scheint also eine gewisse Unsicherheit notwendig zu sein, damit Vertrauen entstehen kann.


Wilhelm Busch, der Grossmeister des deutschen Gedichts hat es sehr treffend formuliert in seinem Gedicht die Nachbarskinder:


Wer andern gar zu wenig traut, Hat Angst an allen Ecken; Wer gar zu viel auf andre baut, Erwacht mit Schrecken. Es trennt sie nur ein leichter Zaun, Die beiden Sorgengründer; Zu wenig und zu viel Vertraun Sind Nachbarskinder.


Nimm dir ein paar Minuten Zeit und reflektiere:

  • In welchen Situationen im Leben vertraust du?

  • Was ist die Unsicherheit, welche dich dazu bringt, zu vertrauen?

  • Wann vertraust du nicht?

  • Was kannst du verlieren, wenn das Vertrauen missbraucht wird?


Gerade die letzte Frage ist spannend. Stell dir folgende Situation vor: Ein Kind steht auf einer Mauer und schaut nach unten. Die Mauer ist zu hoch um alleine runter zu springen, Unten steht der Vater mit offenen Armen um das Kind aufzufangen. Das Kind ist in einer unsicheren Situation. Es weiss nicht, wie es alleine von der Mauer runter kommt.


Es sieht die Lösung, indem es sich den offenen Armen des Vaters anvertraut. Es vertraut in dieser Situation darauf, dass der Vater es sicher auffängt. Und wenn nicht, was ist der Verlust? Ein Sturz? Das Kind riskiert also, mehr zu verlieren als es gewinnen kann. Es riskiert einen Schaden bzw. eine Verletzung für seinen Mut zu springen.


Und wie ist die Sicht des Vaters? Der Vater vertraut auf seine Fähigkeiten, das Kind sicher aufzufangen und es schadlos zu halten. Und wenn nicht, was ist der Verlust? Ein verletzter Mensch? Der Vater hätte ein schlechtes Gewissen, weil er dem Kind schaden zugefügt hat.


Dieses Beispiel zeigt auch sehr schön: Vertrauen kann man nur schenken. Der Vater kann lange unten stehen und dem Kind sagen vertrau mir. Solange das Gefühl nicht stimmig ist, wird das Kind nicht springen. Es ist ein Geschenk an den anderen, weil:


Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.


Die eigene Verletzlichkeit geht unzertrennbar einher mit Vertrauen. Das ist auch der Grund, warum ein Vertrauensbruch so schmerzhalft ist. Wir haben riskiert, uns geöffnet, verletzlich gezeigt und wurden verletzt. Die Verletzung kann nachhaltig sein und tief sitzen. Menschen entscheiden sich dann innerlich, nie mehr so verletzt zu werden. Diese innere Haltung ist ein Grund für viele Probleme in unserem Alltag. Wir verlieren sozusagen das Vertrauen in das Vertrauen und begeben uns in eine Abwärtsspirale.


Der Mensch versucht Schmerzen zu verhindern. Lustgewinn und Schmerzverhinderung ist eines der vier Grundbedürfnisse eines jeden Menschen. Mit der Vermeidungsstrategie schränken wir uns aber auch sehr ein. Ein Leben ohne Schmerz ist auch ein Leben ohne Freude. Wir gehen dann kontrolliert durch das Leben und müssen immer aufpassen, dass uns niemand verletzt. Ein kontrollierter Mensch kann demzufolge nicht mehr vertrauen. Das führt zu einem sehr anstrengenden, schweren Leben.


Die Negativspirale trifft nicht nur das Grundbedürfnis der Schmerzverminderung. Auch andere Bereiche sind betroffen. Das Bedürfnis nach Handlungsoptionen und Kontrolle wird durch ein Leben im Rückzug ebenfalls tangiert. Wenn ich aus Angst verletzt zu werden mich so kontrolliert verhalten muss, dass ich keine Optionen mehr habe, dann fühlt sich das an wie im Gefängnis. Ich habe in mir das Bild einer Maus in der Ecke und vor ihr steht die Katze mit ausgefahrenen Krallen. Das macht zusätzlich eng.


Dazu kommt, dass ich mit jedem Rückzug die Bindung zur Gemeinschaft verliere. Ein Mitarbeiter der sich zurückzieht wird nicht mehr am gesellschaftlichen Leben in der Firma teilnehmen und damit sich auch nicht zugehörig fühlen. Das alles senkt den Selbstwert des Menschen und die die Spirale dreht sich weiter nach unten.



Polarität

Freude und Schmerz sind Poole die sich gegenseitig bedingen. Ohne das eine existiert auch das andere nicht. Zu dieser Aussage möchte ich einige Grundlagen mitgeben, um das Bewusstsein zu Kreisläufen im Leben zu schärfen.


In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, dass wir in einer Welt der Polarität leben. Es ist eines der wichtigsten Naturgesetze, wenn nicht die Basis für alles in unserer Welt.


Es gibt zu allem in dieser Welt einen Gegenpol. Wir wüssten sonst nicht wie sich kalt anfühlt, wenn es nicht auch heiss gäbe. Wir wüssten nicht was die Nacht ist, wenn es nicht auch den Tag gäbe usw. Sind die beiden Poole in Harmonie, also ausgeglichen, so wird sich auch Harmonie in unserem Leben einstellen können. Ungleichgewicht und Disharmonie der Poole sind also oft die Basis für unser Leiden.

Yin-Yang-Symbol
Yin-Yang-Symbol

Wir stellen die beiden Poole mit dem Yin-Yang Symbol dar. Das Wissen über die Kreisläufe stammt von den Taoisten. Das Symbol verkörpert die beiden wichtigsten Poole in unserer Welt: Das Männliche und das Weibliche im Gleichgewicht. Die beiden Poole bedingen sich.


Vertrauen ist dem Yang Pool, dem männlichen Pool zugeordnet. Warum ist das so? Weil Vertrauen etwas aktives ist, etwas was ich TUN muss. Vertrauen ist ein aktiver Prozess. Ich schenke jemandem mein Vertrauen.



Ist dann der Gegenpool von Vertrauen Misstrauen? Auf den Ersten Blick können wir das so sehen.


Die Frage ist, was steht den hinter Vertrauen und Misstrauen. Misstrauen ist dem Yin Pool, dem Weiblichen zugeordnet. Das bedeutet es hat mit SEIN zu tun. Wir sind im Misstrauen. Dazu braucht es keine Aktivität, es ist ein Zustand.


Hinter Misstrauen steht letztendlich Angst. Angst vor Verletzung, Angst vor Blossstellung, Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit. Angst hat auf den Menschen eine "engmachende" Wirkung. Das sagt ja auch unsere Sprache. "Es hat sich in mir alles zusammengezogen." Angst macht uns Menschen klein, der Blick verengt sich. Angst führt dazu, dass wir uns stillhalten und uns nicht bewegen. Jede Bewegung könnte schmerzhaft und gefährlich sein. Weniger Bewegung führt letztlich zum Stillstand.


Hinter Vertrauen auf der anderen Seite steht die Liebe. Die Liebe zum Leben, zu uns selber und zu anderen. Liebe wiederum macht uns weit, wir könnten fliegen. Auch hier beschreibt unsere Sprache das Gefühl sehr schön: "Schmetterlinge im Bauch" "ich fühle mich leicht und frei". Wenn ich liebe, vertraue ich also. Die Frage "Vertraue ich auch mir selbst" ist demzufolge eng mit Selbstliebe gekoppelt.

  • Wie ist das denn mit dem Selbstvertrauen genau bei dir?

  • Vertraust du dir?

  • Auf deine wunderbaren Fähigkeiten?

  • Auf deine Gaben?


Selbstvertrauen

Säuglinge vertrauen von Natur aus. Defacto sind Säuglinge mit Selbstvertrauen ausgestattet. Erst in der frühkindlichen Entwicklung, meist nach einigen Wochen beginnen die Babys zu fremdeln, sie haben gelernt zu unterscheiden. In der ersten Phase wird alles und jeder angelächelt, egal woher der Mensch kommt, was er tut, was er besitzt oder wie er sich zeigt. Diese erste Phase im Leben ist sehr zentral. Das Kleinkind vertraut und wenn es schlecht ausgeht muss es erst mal mit der Verletzung umgehen können. Man könnte dieses Selbstvertrauen auch Ur-Vertrauen nennen. In der Entwicklung eines Kindes kommt der Tag, an dem es feststellen muss, dass es letztlich niemandem trauen kann, ausser sich selbst. Sogar die Eltern flunkern oder erzählen nicht die ganze Wahrheit. Auf das neugierige Nachfragen des Kindes kommen Sätze wie: "Dazu bist du noch zu klein" oder "ich erkläre es dir später". Kennst du solche Sätze aus deiner Kindheit? Und irgendwann merkst du, dass es gar keine Antworten auf deine Fragen gibt, weil die Eltern keine Antworten haben.


Die Frage ist also: Wie kannst du dir vertrauen? Die Geschichte hat immer wieder gezeigt: Dem Menschen kann alles genommen werden, ob durch Ausseneinwirkung oder durch eigenes Verschulden spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Menschen können weggesperrt werden, sie können ausgegrenzt, klein gemacht und körperlich angegriffen werden. Aber es gibt eine Sache, die kann dem Menschen nicht genommen werden. Sein "Präsent sein", sein "da sein".


Letztlich ist das die Quelle der Kraft des Menschen: Sein SEIN.


Für mich ist Nelson Mandela ein perfektes Beispiel, eines Menschen der in seinem SEIN war. Es hat ihn so stark gemacht, dass er ohne verbitterung und ungebrochen seine Inhaftierung überlebte. Wie ist es möglich nach 28 Jahren in einer Minizelle auf Robben Island folgendes zu verkünden: Während dieser langen, einsamen Jahre wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz. […] Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses.[…] Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt. Als ich das Gefängnis verließ, war es meine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten zu befreien. Um frei zu sein genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“ (Quelle: Wikipedia)


Wenn Angst also klein macht, zusammen zieht, anspannt, könnte es dann sein, dass entspannte Menschen weniger Angst haben? Kann es dann sein, dass Menschen, die entspannt sind eher vertrauen? Sich selbst und anderen? Kann es sein, dass Menschen die entspannt sind mehr im SEIN sind? in Ihrer eigenen "Selbstverständlichkeit?"


Mit dieser Erkenntnis schliesst sich der Kreislauf. SEIN ist dem weiblichen Pool zugeordnet in unserer polaren Welt. Die Frauen sind es, die das Leben weiter geben, die uns nähren. Sie gebären die Kinder, sie nähren die Kinder sie SIND DA. Kennst du das Bild? Eine Frau sitzt da, in inniger Verbundenheit mit Ihrem Säugling, gibt ihm die Brust und die Welt rundherum steht still? Es ist wie eine Welt in einem Kokon in diesem Augenblick. Unsere Sprache anerkennt diese nährenden Qualitäten des Weiblichen. Wir sprechen von Mutter Erde.


  • Was kannst du tun, um das Weibliche in dir zu nähren?

  • Was kannst du konkret in deinen Alltag einbauen um weniger gehetzt zu sein?

  • Was denktst du würde dir ganz persönlich helfen, dich zu entspannen?



Unser Hirn und Vertrauen

Zum Schluss möchte ich einige Gedanken zum Thema unser Hirn und das Vertrauen teilen.

Dazu zunächst ein Bild, an welchem ich gerne erläutern möchte, wie vertrauen entsteht.

3Bein-Hocker

Es sind drei Ressourcen, auf die der Mensch baut. Als einfache Metapher kann ich mir einen Hocker vorstellen der auf drei Beinen steht.


Diese drei Beine sind:

1. Der Mensch vertraut in seine eigene Kompetenz.


2. Der Mensch findet als soziales Wesen andere Menschen die ihn unterstützen.


3. Die dritte Ressource ist sein Glaube an etwas Grösseres, Schützendes. Egal wie wir es nennen wollen, es ist der innere Glaube daran, dass es gut kommt.




Was wir bereits vorher beim Thema Selbstvertrauen erkannt haben lässt sich Angst im Hirn messen. Unser Hirn hat kein Zentrum für Vertrauen, sehr wohl aber ein Zentrum der Angst. Wir nennen dieses Angst-Zentrum Amygdala. Angst ist auch gar nicht zu bewerten, oder etwas schlechtes. Ohne die Angst und die damit verbundenen Reflexe wären wir schon lange ausgestorben. Situativ schützt uns die Angst und bringt uns zum Handeln. Die Frage ist nur, wann ist sie uns wirklich dienlich und wann eher störend.


Seit ca. 2013 ist wissenschaftlich belegt, dass unser Hirn elastisch ist wie ein Muskel. Alles was wir erleben, wird verankert und alles im Hirn ist elastisch. Das ist eine sehr gute Nachricht, weil es bedeutet, dass gespeicherte Erfahrungen und Erlebnisse nicht auf immer festgebrannt sind. Neue Erfahrungen können neue Neurologische Netzwerke bilden. Es geht also um die Erfahrungen, die wir machen. Jede Erfahrung, die wir durchleben baut neue neuronale Netze in unserem Hirn. Und weil das Hirn wie ein Muskel funktioniert, werden die Regionen im Hirn gestärkt, die wir füttern.


  • Mit was fütterst du dein Hirn?


So gesehen, machen wir uns unsere Realität tatsächlich selbst. Wir sehen die Welt aufgrund unserer gemachten Erfahrungen.


Wie geschrieben vertraut der Säugling in seine Kompetenzen, bekommt Zuspruch von seiner Umwelt (jöö der kann ja schon die Hand öffnen) und ein Säugling kennt noch kein Scheitern und kein Bewerten. Alle drei Ressourcen sind genährt und es geht dem Säugling gut. Das Blatt beginnt sich in dem Augenblick zu wenden, wenn andere Menschen ihre Erwartungen erfüllt sehen möchten. "Ich erwarte von dir schon, dass du eine gute Prüfung